Lebensraum statt Lärmalbtraum!

Medienmitteilung der Grünen Obersiggenthal zur Kreiselbesetzung vom 9. September 2017 in Nussbaumen

Mit einer provokativen Aktion haben wir Grünen Obersiggenthal am Samstag gegen die Verkehrspolitik des Kantons demonstriert: Wir haben den Kreisel im Zentrum von Nussbaumen besetzt und die Fläche mit Szenen aus einer Realität bespielt, in der nicht Autos, sondern Menschen den öffentlichen Raum prägen.

Ein Grosi, das gebeugt am Stock geht, ein Vater, der seinen Kinderwagen vor sich herschiebt, zwei Junge, die Federball spielen … alle ausgerüstet mit Warnwesten, Atemmasken und Gehörschutz – eine surreale Szenerie, in der ein grosses Transparent in den Farben der Grünen Partei erklärt, worum es geht: «Unsere OASE ist grün». Am späten Samstagnachmittag haben wir Grünen Obersiggenthal vorübergehend den Kreisel beim Markthof Nussbaumen besetzt und mit Alltagsszenen zu zeigen versucht, dass dieser rund 800 Quadratmeter umfassende Raum für das Leben in der Gemeinde verloren ist.

Obersiggenthal zählt zu den am stärksten vom Verkehr belasteten Gemeinden des Kantons. Rund 23 000 Fahrzeuge fahren Tag für Tag durch Nussbaumen. Seit der Eröffnung der Siggenthaler Brücke vor 15 Jahren hat sich der Verkehr verdoppelt; würde der Martinsbergtunnel, der in der Ostaargauer Strassenentwicklung OASE das Herzstück für die Region Baden bildet, tatsächlich realisiert, entstünde ein Autobahnzubringer mitten durch das Siedlungsgebiet mit über 30 000 Fahrten pro Tag. Das ist jenseits von Gut und Böse. Dagegen wehren wir uns.

«Uns stinkt’s»

Heute dominiert der Durchgangsverkehr den öffentlichen Raum im Siggenthal; der Aufenthalt im Freien ist wegen des Lärms und der Schadstoffimmissionen vielerorts unzumutbar. Zu Fuss oder mit dem Velo über die Landstrasse zu kommen, ist lebensgefährlich oder gar unmöglich. Der öffentliche Raum gehört aber uns allen. Dass uns der Kanton solche Zustände zumutet, ist inakzeptabel. Wir leben hier. Uns stinkt’s.

Obwohl seit langem klar ist, dass mit dem weiteren Ausbau des Strassennetzes die Probleme nicht kleiner, sondern grösser werden, weigert sich der Kanton, einen Strategiewechsel in die Wege zu leiten. Die Verkehrspolitik dreht sich im Kreis. Mit der Ostaargauer Strassenentwicklung OASE würden noch mehr Kapazitäten für den privaten Motorfahrzeugverkehr geschaffen. Der Aargau muss wissen, dass die Menschen im Siggenthal das nicht akzeptieren.

Unter dem Lead von Obersiggenthal haben die betroffenen Gemeinden dem Kanton unmissverständlich signalisiert, dass sie diese Entwicklung ablehnen. Es macht aber nicht den Anschein, dass dies im Departement von Regierungsrat Stephan Attiger gehört wurde. Geplant werden nicht zukunftsfähige Mobilitätslösungen, sondern noch mehr Strassen. Das ist der falsche Weg.

Mättelisteg statt Martinsbergtunnel

Ein weiteres Transparent trug die Botschaft «Fussgängerbrücken statt Autotunnel». Damit spielen wir auf einen zweiten politischen Prozess an, der scheinbar nichts mit der OASE zu tun hat: den Mättelisteg, ein gemeinsames Projekt für Fussgänger und Velofahrende, den Obersiggenthal, Baden und Ennetbaden gemeinsam planen und über dessen Schicksal der Obersiggenthaler Einwohnerrat demnächst befinden wird.

Der Mättelisteg ist ein wichtiges Element im regionalen Fuss- und Veloverkehrsnetz, aber auch für die Entwicklung des Oederlin-Areals, das für Obersiggenthal von grosser Bedeutung ist. Weil unsere Gemeinde gerade mit einem finanziellen Engpass kämpft, droht das Projekt zu scheitern. Der Mättelisteg ist ein Zukunftsprojekt für Obersiggenthal. Wird er nicht gebaut, bleibt das Oederlin vom Bäderquartier und seiner Entwicklung abgeschnitten. Eine zukunftsgerichtete, urbane Entwicklung würde verunmöglicht.

Die Realisierung dieser Fuss- und Veloverbindung nach Baden bestimmt darüber, ob im Oederlin dereinst eine jung-dynamische, städtisch orientierte Mieterschaft einziehen wird, die gar kein eigenes Auto mehr will, oder ob jede Mietpartei zwei Autoabstellplätze beanspruchen wird. Obersiggenthal kann sich nicht glaubhaft gegen die OASE wehren und gleichzeitig solch wichtige Projekte verhindern, die für eine Lösung der Verkehrsprobleme unverzichtbar sind

Forderung an die Adresse des Kantons

Die OASE-Pläne des Kantons Aargau stehen in krassem Widerspruch zur kantonalen Strategie «MobilitätAARGAU», die verlangt, dass der motorisierte Privatverkehr nicht weiter wächst, hingegen der Fuss- und der Veloverkehr gefördert wird. Den schönen Worten in der Mobilitätsstrategie müssen Taten folgen. Deshalb fordern wir, dass der Kanton in Zukunft Infrastrukturprojekte wie den Mättelisteg zumindest mitfinanziert.

Es braucht ein Umdenken, um aus der Sackgasse zu kommen. In der Strassenkasse ist genug Geld. Investitionen in den Fuss- und den Veloverkehr entlasten die Strasse und kommen so allen zugute. Dies rechtfertigt, dass auch Infrastrukturprojekte für den Fuss- und den Veloverkehr aus Mitteln der Strassenkasse realisiert werden.

Medienbericht der «Aargauer Zeitung» vom 09.09.2017, basierend auf unserer Medienmitteilung

Die OASE macht das Siggenthal zur Verkehrshölle

Leserbrief zum Beitrag «Neue Strasse zieht neuen Verkehr an»,
erschienen im «Badener Tagblatt» vom 13.04.2019

Die Gesamtverkehrsplanung OASE hat eine überregionale Dimension, die noch kaum erkannt ist. Während wir hier über einen Tunnel streiten, der den Schulhausplatz umfahren soll, baut Deutschland ennet dem Rhein die letzten Teilstücke der Autobahn A98 zwischen Basel und Bodensee. Gleichzeitig macht der grosse Nachbar Druck auf die Schweiz für eine neue Zollbrücke bei Koblenz. Der Kanton Aargau sitzt hier nicht am Tisch; dieser Entscheid wird auf Bundesebene fallen. 

Hier wird an einer neuen Transitroute gebaut, und dem Kanton Aargau fällt tatsächlich nichts Gescheiteres ein, als den Engpass durch die Klus von Baden zu eliminieren? Der Schwerverkehr durch das Siggenthal nimmt seit Jahren kontinuierlich zu; dabei sind die 23 000 Fahrzeuge, die sich Tag für Tag mitten durch das Siedlungsgebiet quälen, schon ohne Brummis eine unerträgliche Belastung. Eine neue Rheinbrücke bei Koblenz, kombiniert mit einer Umfahrung Baden, macht das Siggenthal endgültig zur Verkehrshölle. Man fragt sich, warum das Gesamtverkehrskonzept OASE keine Umfahrung des Siggenthals enthält. 

Die «bessere Lösung» gibt es tatsächlich

Leserbrief zur Abstimmung über Tempo 30 in Brugg, erschienen im «Generalanzeiger» vom 07.02.2019

Tempo 30 schafft mehr Sicherheit für Fussgängerinnen und Velofahrende, fördert ein friedliches Miteinander und sorgt für ein angenehmes Aufenthaltsklima im Strassenraum. Dennoch gibt es in Brugg Opposition gegen die Einführung des menschenfreundlichen Verkehrsregimes, und argumentiert wird dabei ausgerechnet mit dem Sicherheitsbedürfnis der Fussgängerinnen und Fussgänger. Läge den Referendumsführern tatsächlich das Wohl der vielen Zufussgehenden rund ums Eisi am Herzen, würden sie nicht die Senkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bekämpfen und den Erhalt von Fussgängerstreifen fordern, die Fussgängerinnen und Fussgänger zwar Vortritt gewähren, aber auch zu Umwegen zwingen (sofern sie die 50-Meter-Regel beachten). Sie würden vielmehr die vielbeschworene «bessere Lösung» vorschlagen, die es tatsächlich gibt: eine Begegnungszone, wo Tempo 20 gilt und die Fussgängerinnen und Fussgänger Vortritt vor dem fahrenden Verkehr geniessen. Das wäre ein echter Fortschritt! So aber bleiben die Gegner von Tempo 30 unglaubwürdig. 

Die OASE ist eine verpasste Chance

«Die Aargauer sind zu dick – das kostet den Kanton Millionen» titelte die Monopolzeitung vor einigen Wochen. Eigentlich müssten sich die sparwütigen Mitglieder des Grossen Rats mit Vorstössen überbieten, die den Kilos den Kampf ansagen. Ein anderer Artikel der Zeitung gab sogar einen Hinweis, was sie fordern könnten: «Velofahrer sind im Schnitt vier Kilo leichter als Autofahrer.»

bike-runs-fat-car-moneyDie aktive Mobilität zu Fuss oder mit dem Velo ist nicht nur von unschätzbarem Wert für die individuelle Gesundheit. Sie kann auch einen grossen Beitrag zur Lösung der Verkehrsprobleme leisten. Das Potenzial ist immens; doch der Anteil des Velos am Modalsplit sinkt seit Jahren, und die eigenen Füsse tragen viele kaum weiter als bis zum Parkhaus oder zur nächsten Bushaltestelle. Kein Wunder, denn der Aufenthalt im autoorientierten Strassenraum ist unattraktiv, ja gefährlich.

Aus meiner beruflichen Tätigkeit bei Fussverkehr Schweiz, dem Fachverband der Fussgängerinnen und Fussgänger, weiss ich, dass man das Verhalten der Menschen ändern kann, indem man die Verhältnisse ändert. Mit seinem OASE-Projekt verpasst der Kanton Aargau jedoch die Chance, die Mobilität im Ostaargau auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen. Statt neue Strassen zu bauen, müsste er mit einer «Politik der kurzen Wege» Verkehr vermeiden und die aktive Mobilität fördern. Ich kandidiere für den Grossen Rat, weil ich mich für eine Verkehrswende im Kanton Aargau einsetzen will. Für die Gesundheit von Mensch und Umwelt.